Eine konfabulierteKonfabulation ist »die Produktion von objektiv falschen Aussagen« bzw. von Märchen (lat. fabula), wobei der Konfabulierende von der Gültigkeit seiner Aussagen mehr oder weniger fest überzeugt ist. Es kann eine hirn­organische Störung zugrunde­liegen oder auch der bei Gesunden gelegentlich vorkommende Drang, sich an mehr zu erinnern, als tatsächlich der Fall ist (z.B. bei Kindheits­erinnerungen oder bei der Befragung eines Zeugen vor Gericht; es sind sog. provozierte K.).
  Die spontane K. liegt vor, wenn die Fähigkeit gestört ist, eigene Einfälle von realen Sach­verhalten zu unterscheiden. (»Patients with Korsakoff's syndrome characteristically confabulate by guessing an answer or imagining an event and then mistaking their guess or imagination for an actual memory. [Wikipedia]«
Realienkunde, ein Thesaurus, bar jeder Notwendigkeit assoziiert, eine Sammlung von Marginalien, über die im Unklaren zu bleiben, ich nicht auf mich nehmen wollte. Dem geneigten Leser im jeweiligen Kontext unterbreitet, in alphabetischer Ordnung. Anregungen für weitere Stichworte werden gerne entgegengenommen.

Überleben!

Der zerstörte Reaktor von Tschernobyl von oben…reimt sich auf Krise. Wir stecken in einer vorläufigen Krise – und die eigentliche, ernsthafte Krise wird ja erst noch kommen. Hier werden Vorbereitungen für den »struggle for life« getroffen, damit wir nicht unvorbereitet in das Zusammenbrechen der Zivilisation, wie wir sie kennen, gehen müssen.

Wohlstand

Maske eines römischen Soldaten aus dem Limes-Museum Aalen (von Flickr-Benutzer wo.men)

Das Fernsehen präsentiert abgerissene Notizzettel aus der großen, weiten Welt. Zuerst eine Mauer oder ein Zaun, der Schutzwall gegen den kapitalistischen Faschismus – so hat man wohl gesagt. Ein ausgeklügelter Schutzwall mit Suchscheinwerfern, Schießbefehl, Stolperdrähten, Wachtürmen, Mienen, Selbstschußanlagen usw. Dann kommt der noch ausgeklügeltere Freiheitsdrang von einigen Menschen zu Wort und es wird gezeigt, wie man dem selbstgerechten Totalitarismus des antifaschistischen und antikapitalistischen Regimes entkommen konnte: Selbstgenähte Heißluftballons, selbstgeschreinerte Hochleistungssurfbretter, ein Stahlseil zwischen einem antikapitalistischen Haus und einem in aller Freiheit dastehenden Haus gespannt, sogar eine Grenzüberquerung mit Ultraleichtflugzeugen, wie sie in einem Agententhriller hätte stattfinden können. Und dann, in der Freiheit: Staunen über das Einkaufszentrum, erstmal ein Bier zur Feier des Abends. Ende der Sendung.

Nächster Schutzwall: der Limes. Ein Spezialist für Militärgeschichte redet über das Hinterland, das Vorfeld, die Zangenbewegung. Trachtengruppen rudern ein nachgebautes Binnenkriegsschiff, das Navis lusoria, ein »tänzelndes Schiff«. Geodäten wundern sich über die Präzision der Römer, die ihren Wall wie eine abstrakte Linie durch die Landschaft gebaut haben. Berittene Legionäre in der Winterlandschaft. Sie tragen versilberte Masken und sehen aus wie unberührbare Götter. Und hinter dem Limes der germanische Urwald, die Kamera fängt einen Bären ein, einen Wolf und einen Luchs. Wie sind die Filmemacher wohl an diese Tiere gekommen? Hat man sie in einem Zoo ausgeliehen? Eine freie, weite Landschaft wird gezeigt, eine Welt, in der man Platz hatte. Dann kam aber, sagt der sonore Sprecher, ein Kälteeinbruch, die Germanen leiden Hunger und überrennen den Schutzwall. Völkerwanderung. (weiterlesen…)

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  • Hintergrundklang

Die drei Dinge

Albrecht Dürer, Der Marktbauer und sein Weib, 1519

Ein Märchen aus der niedersächsischen Nordheide, wie es sich dort in einigen Häusern gelegentlich noch erzählt wird. So, wie es mir an einem nicht lange zurückliegenden Abend erzählt wurde (und dann, als ich Stift und Papier zur Hand hatte, am darauf folgenden Vormittag nochmals), will ich es dem geneigten Leser hier zur Kenntnis geben:

Es war einmal ein Bauer, der lebte ein hartes Leben am Rande der Heide. Er war aber ein frommer Mann und tat unverdrossen sein Tagwerk. So hatte er trotz aller Mühen über die Jahre ein festes Haus gebaut, in dem er bescheiden mit seiner Frau lebte, die ihm keine Kinder geboren hatte. Der Bauer bestellte die Felder, wartete der Tiere und zog mit seiner Frau auf den Markt. Und Jahr um Jahr gelang es ihm so, wieder etwas neues in seine Truhe zu legen. Er sparte sich vom Munde ab, was er dann fröhlich hergab, um allerlei schönes und glänzendes seinem Besitz hinzuzufügen.

Gerne kamen die Nachbarn des Bauern zu Besuch, denn er war ein freigibiger Mann und wußte, wenn er seine Pfeife rauchte, Scherze zu machen, über die jedermann gerne lachte. Wenn die Gäste zusammensaßen, hieß er seine Frau, einen silbernen Leuchter oder ein anderes Stück aus der Truhe zu holen und den Nachbarn zu zeigen. Die Bäuerin gehorchte ihrem Manne nur widerwillig, denn sie war eine harte Frau und traute niemandem. Die Nachbarn beglückwünschten den Bauern zu seinem Besitze. Niemand neidete ihm, was er hatte, weil er bei ihnen als frommer und braver Mann in gutem Ansehen stand. Die Bäuerin aber stand daneben und dachte bei sich: Er wird es noch sehen. (weiterlesen…)

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Auf der Titanic

Bild aus dem Film "An Inconvenient Truth"

Was ist Veränderung? Ein verdächtiger Begriff. Während des überwiegenden Teils der Geschichte unserer Art auf diesem Planeten wurde Veränderung von Menschen jedenfalls als bedrohlich und entschieden vermeidenswert angesehen. Veränderung ist Abweichung vom Urzustand, von dem Erbe der Ahnen und dem Willen der Götter, von dem in der Vergangenheit verankerten grundsätzlichen Anfangszustand, der besser ist als alles, was sich irgendjemand heute ausdenken könnte – und deshalb ist Veränderung verdächtig. Wenn sich etwas ändert, dann nur zum schlechten und höchstens scheinbar zum Guten. Quasi nanos sunt gigantum umeris insidentes – gleichsam Zwerge sind wir, die auf den Schultern von Riesen sitzen, lautet ein bündiger Audruck für dieses traditionsverbundene Selbstbewußtsein

Eine von James Watt entworfene, doppelt wirkende Niederdruckdampfmaschine mit Balancier (Wikipedia)Dann kam die Aufklärung und alles wurde besser. Die Enge der Tradition wurde erkannt und das Menschengeschlecht ging daran, einen neuen Anfang zu machen. Erfindungen wurden gemacht, der Unternehmergeist der Menschen geweckt, der Aberglaube überwunden und die Nüchternheit allgemein eingeführt. Es konnte seitdem nur jeden Tag besser werden. Der Riese konnte sich endlich zur Ruhe setzen und die Zwerge gingen ans Werk, ohne sich von der Schwerfälligkeit des verrenteten Giganten noch weiter behindern zu lassen.

Heute allerdings ist der Fortschrittsmotor ins klappern und scheppern gekommen. Zwar wächst unser Wohlstand unentwegt – auch wenn die Bedürfnisse immer noch stärker wachsen und es uns nicht recht sehen lassen. Zwar kommen mit jedem Jahr weitere Annehmlichkeiten hinzu. Aber: auf den goldgepflasterten Weg des Fortschritts in die Zukunft fallen Schatten. Und eine alte literarische Gattung wird wiederentdeckt: Die Apokalypse. (weiterlesen…)

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2. Je so weit
3. Involution (#1)
4. Die Stille wider uns
5. Kostbare Augenblicke
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