Was ist unter den wichtigen, unverzichtbaren Dingen das wichtigste? Woran muß man zuerst denken, bevor man das Haus verläßt, um sich in der Welt da draußen am Leben erhalten zu können? Was ist nicht bloß unter bestimmten Umständen zu gebrauchen, sondern immer und unbedingt notwendig? Wenn man davon ausgeht, daß selbst die haarigste und plötzlichste Katastrophe einen nicht nackt überrascht und man also nicht erst seine Blöße bedecken muß, dann ist die Antwort leicht zu geben. Man braucht auf jeden Fall und immer: Schuhe.
Natürlich nicht Stöckelschuhe, Sandalen, Lack- und Halbschuhe. Wir bereiten uns ja auf die Katastrophe vor und es ist uns klar: Wir müssen durch Schlamm waten und in Pfützen treten können. Wir müssen womöglich Gebirgsrücken überwinden und über die Scherben der Zivilisation schreiten können, ohne uns dabei die Fußsohlen zu zerschinden. Wir brauchen stabile, wasserfeste Schuhe, deren Löcher man auch selbst mit grober Nadel nähen kann.
Aber wissen wir überhaupt noch, wie man sich durchkämpft? Wissen wir, die wir höchstens vom Parkplatz zur Haustür, von der S-Bahn zur Arbeit über ordentlich gepflasterte Wege trippeln, wissen wir noch, wie man sich durch Büsche und über Geröll vordringt, Schritt für Schritt, soweit die Füße tragen, auf der Suche nach einem geeigneten Lager?
Einer, der es noch wußte, war Hjörvarð Grimmursson, ein Skalde des 10. Jahrhunderts, der über die Not des Daseins in langatmigen altnordischen Gedichten informiert. So zum Beispiel in seinem einschlägigen »Brautingis Songr«, dem Wanderersgesang, aus dem man etwas über die Unverzichtbarkeit guten Schuhwerks gleich in der ersten Strophe erfahren kann:
»Die Schuh sind mir zerschlissen
Gar an den Füßen mein.
Sie hat der Weg zerrissen
Und jeder kahle Stein,
Auf dem ich bin geschritten,
Als Pilgrim windgeplagt,
Wie auch die Väter litten
Und zogen Tag um Tag –
So, wie die Götter fügten,
Im kalten Himmelsrat:
Uns nackte Füße gaben
Für lebenslange Fahrt.«
Nun also: das wäre geklärt.









