Ein Problem ist nur so lange schwierig, bis man die richtige Vorstellung gefunden hat. Es ist die richtige Vorstellung, die mit aller Selbstverständlichkeit zu einer Lösung führt. Es kommt alles bloß darauf an. Das Denken wirft dann, wenn die richtige Vorstellung da ist, mit schöner Leichtigkeit seine gesamte Schwierigkeit ab, es braucht nur eine solche zutreffende, schlichte, und wahre Vorstellung als Fundament.
Diesen Prozeß, in dem sich das Denken vom Falschen befreit, zu beobachten (auch während man selbst oder der eigene Kopf es ist, der das Denken erledigt) ist ungefähr so, wie einem hinreichend schönen und geübten Menschen beim Tanzen zuzusehen: der Fluß der Bewegungen ist mühelos und heiter, da ist Anstrengung, aber bloß schöne Anstrengung. Die Figuren schließen sich ohne zu Stocken aneinander, und am Ende ist das Ergebnis da, man atmet schwer – aber zufrieden.
Ich möchte betonen, gerade als Naturwissenschaftler, und eben weil man es von mir anders erwartet, daß es sich bei diesem Prozeß vor allem um eine seelische Tätigkeit handelt. Vorstellungen (richtige wie falsche) befinden sich zwar in unserem Kopf; aber an ihnen hängt viel mehr als bloß die Gültigkeit von abstrakten Denkinhalten.
Das beste Beispiel sind die ersten Vertreter des Heliozentrismus. Sie brauchten bloß mit ihren optischen Instrumenten den Lauf der Gestirne am Himmel zu beobachten, wie Generation um Generation vor ihnen getan hatte. Keine schwierige Arbeit. Aber sich zur der richtigen Vorstellung durchzuarbeiten, daß die Erde gar nicht den Mittelpunkt des Universums ausmachen kann – das hieß doch vor allem, ein umfassendes Privileg aufzugeben. Der Mensch konnte sich auf seinem Erdklumpen nicht mehr als das ultimative Zentrum alles Seienden empfinden. An dieser Stelle war nun die Sonne. Wie schwer ein solcher Übergang, ein »Paradigmenwechsel« wie manche sagen, zu meistern ist, zeigt ja das Schicksal Galileos, obwohl er überhaupt nicht der originellste der Neuerer gewesen ist.
Nachdem aber die richtige Vorstellung der kosmischen Umlaufbahnen gefunden war, als man also mutig die Sonne in die Mitte gerückt hatte, und als dann schließlich auch die Sonne sich bloß als ein Punkt unter vielen wiederum beweglichen Punkten herausstellte etc. etc. – nach diesen vielen Umbrüchen war es nun möglich geworden, klar zu sehen. Und darin besteht am Ende alle Wissenschaft. Aber man mußte etwas verlorengeben: die Geborgenheit in der Mitte des Universums wie gesagt, die Meinung im selbstverständlichen Brennpunkt göttlichen Interesses zu sthen. Am Rand ist es einsamer, kühler – an einer falschen Vorstellung hängt mitunter vieles.
Ich sage: Aller Anfang ist die richtige Vorstellung. Und mehr noch: sie, die richtige Vorstellung, ist im Grunde schon der größte Teil des Ergebnisses. Was man sonst noch herausfindet, ist bloß eine Reihe mehr oder weniger komplizierter Anwendungen und Ableitungen.
So ist es auch bei meiner Entdeckung, der Temporalplastizität, oder einfach: der Formbarkeit der Zeit, gewesen. Ich habe gelernt, mir das Fließen der Zeit richtig vorzustellen. Und sobald die Zeit für mich kein rätselhafter Äther mehr war, ist es mir nicht besonders schwer gefallen und hat überhaupt keine technischen Wundertaten erfordert, die Zeitmaschine zu bauen. – Es ist ja auch nicht schwer, eine Glühlampe zu bauen: man braucht bloß etwas Kohledraht und eine einigermaßen taugliche Vakuumpumpe. Und doch würden vorneuzeitliche Menschen vor Ehrfurcht erstarren, wenn sie eine Glühlampe brennen sähen. Das Konstruktionsprinzip der Zeitmaschine ist – wenn man, wohlgemerkt, über die richtige Vorstellung von Zeit verfügt – ähnlich simpel.
Und jetzt, da der erste Prototyp dieser Maschine sich als weitgehend funktionstüchtig erwiesen hat, werde ich mit den praktischen Versuchen beginnen. Man wird schnell Ergebnisse zu verzeichnen haben. Es ist alles sehr aufregend. Ich bin nicht bereit, mich mit wenig zufriedenzugeben. Ich bin darauf aus, mir die Zeit zu unterwerfen, wie die prähistorischen Einbaumfahrer sich das Meer unterworfen haben.









Zeitreisen
Man wird früher oder später unweigerlich mit den Schwierigkeiten der Zeitlichkeit konfrontiert. ↓ mehr…
Ich werde an dieser Stelle in lockerer Folge verschiedene Journaleintragungen Riehtbiels zur allgemeinen Kenntnis geben. Ich hoffe, daß auf diesem Wege sowohl der große Riehtbiel einiges von der Aufmerksamkeit erlangen werde, die er immer schon verdient hat – und daß so die heutige Zeitreiseforschung von Riehtbiel erneut einen wichtigen Impuls erhalten möge.
Der Herausgeber
Guntram Mokry
Der obenstehende Satz gilt schon für jedes normale Alltagsleben, in dem die Grundregel der Folgerichtigkeit nur selten offensichtlich verletzt wird. Im Alltagsleben ergibt sich das meiste ziemlich ordentlich aus dem Vorherigen. Aber dennoch passiert es manchmal, daß ein Ereignis, das sich den Anschein gibt, eine Folge zu sein, zu keiner erkennbaren Ursache passt; oder daß sich plötzlich eine Folge einstellt, auf die keine der vorhandenen Ursachen hingewiesen hatte. Oder es widerfährt einem, daß man auf die vorhandenen Ursachen zurückblickt und sie derart verschoben vorfindet, daß man sich selbst nicht mehr als deren Folge verstehen kann.
Der Inbegriff solcher auch im kontinuierlichsten Alltag vorkommenden Probleme ist schließlich das Ableben, das den Zeitstrang gänzlich abreißen läßt. – Aber auch weniger dramatische Erlebnisse vergegenwärtigen im kontinuierlichen Alltag das Diskontinuum: z.B. jenes Phänomen, das eigentlich unpassend als ›Zufall‹ bezeichnet wird; auch jede wirkliche Entscheidung, d.h. eine Veränderung der eigenen Selbstfestlegung auf eine ganz bestimmte Zukunftsvariante, durchbricht die Folgerichtigkeit des Zeitablaufs. Zeitreisende ahnen schon lange, daß ›Entscheidungen‹ in diesem Sinne mit einer im psychischen Apparat des Menschen verankerten Zeitmaschine zu tun haben.
Der Zeitreisende seinerseits steht ständig vor schwierigen Problemen, die mit dem Scheitern des Vorher und Nachher zusammenhängen, mit der Brüchigkeit der Kausalkette und dem Beharrungsvermögen der Materie gegenüber der Frage ihrer Möglichkeit oder Unmöglichkeit.
Die Zeit ist das Medium der Möglichkeit – die Körper haben aber eine eigene Wirklichkeit, die auch noch dort weiterbesteht, wo sich die Unmöglichkeit verdichtet hat, z.B. durch einen unvorsichtigen Zeitsprung: woraus sich am Ende ein Paradox ergibt.
Das Paradox – so kann man sowohl aus der Sicht des Konstrukteurs von Zeitreisemaschinen als auch aus der Praxis des Zeitreisenden sagen –: das Paradox begegnet einem ständig, wenn man sich mit der »Plastizität«, der Um-Gestaltbarkeit der Zeitabfolge auseinandersetzt.
Die »Plastizität der Zeit« – so lautet einer der zentralen Begriffe aus der Grundlagenforschung Josef Ignacio Riehtbiels, jenes deutschstämmigen Uruguayers, der als Begründer der modernen Zeitreiseforschung zu gelten hat. Dieser Rang gebührt ihm, unbenommen dessen, daß er heute nur selten öffentliche Würdigung erfährt.
Riehtbiels Nachleben in der Temporalwissenchaft ist ähnlich glücklos, wie es die Disziplin selbst seit dem internationalen Verbot der Zeitreiseforschung 1942 insgesamt gewesen ist. Zwar ist das Verbot mittlerweile, nämlich im Zuge der Umbrüche, die sich mit dem Ende des Kalten Krieges ergeben haben, stillschweigend aufgehoben worden. Aber auch nach ihrer erneuten Legalisierung hat die Zeitreiseforschung nicht zu öffentlichem Interesse oder gar zu Anerkennung gefunden. Daß es zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine sehr erfolgreiche Blütezeit dieser Wissenschaft gegeben hat, ist weitestgehend unbekannt.
Man wird die Zeitmaschine letztlich als die einzige »fast vollständig ignorierte Großerfindung der Moderne« (Krusenkopf) bezeichnen müssen, die dazugehörige Wissenschaft als eine nahezu verlorene – und ebenso ist Josef Ignacio Riehtbiel vergessen worden.
Was das zuletzt genannte Unrecht anbelangt, das Vergessensein des großen Riehtbiels, möchte ich nun mit meinen bescheidenen Mitteln, und nicht ohne ein lebendiges eigenes Interesse zu hegen, Abhilfe schaffen.
Riehtbiel war als praktischer Experimentator sehr erfolgreich. Er hat seine Kenntnisse einem kleinen Schülerkreis mitgeteilt, hat aber auch eine bahnbrechende Abhandlung verfasst: De motione transtemporalis. – Von diesem Werk wird man mit einigem Glück noch einzelne verstaubte Exemplare in besseren (oder sehr schlecht besuchten) Antiquariaten finden. – Daneben sind irgendwann zwischen 1931 und 1940 Auszüge aus Riehtbiels Arbeitstagebuch erschienen. Die kleine Auflage dieses Drucks scheint inzwischen auch vom antiquarischen Markt restlos verschwunden zu sein.
Allerdings befindet sich ein Exemplar davon in meinem Besitz. Weiterhin bin ich mittlerweile in der glücklichen Lage, sogar im Besitz des größten Teils der originalen Riehtbiel'schen Journalhefte zu sein. Der Grund hierfür ist das weitläufige Desinteresse seiner Nacherben, das sie zu einer freundlichen Schenkung veranlasst hat. Ich erhoffe mir für meine eigenen Forschungen aus diesem Fundus wichtige Impulse.
Über den Charakter der Tagebuchaufzeichnungen aus der Feder Riehtbiels läßt sich viel oder wenig sagen. Der geneigte Leser wird sich selbst ein Bild machen wollen. Keineswegs sind diese Aufzeichnungen bloß wissenschaftlich; ihr »unwissenschaftlicher« Teil scheint mir sogar noch der interessantere zu sein. Die Zeitreiseforschung war ja überhaupt schon immer mehr eine Geistes- als eine Ingenieurswissenschaft.
Ich werde an dieser Stelle also in lockerer Folge verschiedene Journaleintragungen Riehtbiels zur allgemeinen Kenntnis geben. Ich hoffe, daß auf diesem Wege sowohl der große Riehtbiel einiges von der Aufmerksamkeit erlangen werde, die er immer schon verdient hat – und daß so die heutige Zeitreiseforschung von Riehtbiel erneut einen wichtigen Impuls erhalten möge.
Der Herausgeber
Guntram Mokry