P.S. Findige Menschen würden dem Dichter an dieser Stelle zu recht vorwerfen, es könne soetwas wie einen Beweis Gottes gar nicht geben. Die Wissenschaft, vor allem die Naturwissenschaft, kann zwar Beweise erbringen. Aber das Gott irgendwie bewiesen oder widerlegt werden könne, ist ein Gedanke, der sich über das, was Gott ist, wenn er denn überhaupt ist, grundsätzlich im Mißverständnis befindet: Denn Gott läßt sich mit nichts und wiedernichts dingfest machen. Noch nicht einmal seine Abwesenheit läßt sich zweifelsfrei feststellen. Gar nichts läßt sich mehr feststellen, wenn in einem Satz ›Gott‹ vorkommt. Außer natürlich, daß gerade von Gott geredet wird. Und daß einer, der von Gott redet, sich diesen Inhalt seiner Rede wohl mit Bedacht ausgesucht hat. Kurt Hübner zum Beispiel (Glaube und Denken. Dimensionen der Wirklichkeit, Tübingen 2001) sieht den religiösen Glauben als einen eigenständigen Bereich an. Die Alternative ist in diesem Bereich nicht Verifikation oder Falsifikation (nämlich die Grundoperationen der Wissenschaft), sondern es ist Offenbarung einerseits und andererseits existentieller Zweifel. Das heißt, daß man zu Gott kommt, indem man es aus irgendwelchen Gründen einleuchtend findet, daß es ihn gibt und zwar auf eine bestimmte Weise, die einem offenbart wurde, ob man nun wollte oder nicht. Und wenn man es dann wiederum aus irgendwelchen Gründen nicht mehr einfleuchtend findet, daß Gott da sein soll, dann hat einen der existentielle Zweifel angefallen. Da kann man nichts machen außer es kommt wieder zu einer Offenbarung.
P.P.S. Hübner sieht Parallelen zwischen dem Religiösen und der Dichtung. In einem Gedicht werde nichts über die Wirklichkeit behauptet: daß ein Baum soundso ist und der Tisch sich nachprüfbar in in jenem Zustand befinde. Eine dichterische Aussage ist nicht in diesem Sinne Wahr oder Unwahr. Vielmehr bringt das Gedicht aus sich selbst eine eigentümliche Wirklichkeit, nämlich die Wirklichkeit seiner Konnotationen und einer in ihm schwingenden »Gestimmtheit«, zum Ausdruck. Das Gedicht hat seine Wirklichkeit und Wahrheit aus sich selbst heraus. Wenn aber in einem Gedicht zum Beispiel zu lesen wäre:
Ein Rettungswagen Fliegt kreischend Herein zum Fenster Durch die schwüle Luft Die Hilfe ist nie so fern Wie die Not immer.
Natürlich wird der Leser, sofern er sich mit geschriebenem irgendwie auskennt, sich nicht daran stoßen, daß hier ein schweres Automobil durch ein Fenster fliegen kann. Er wird sich fragen, ob der Zusammenhang von Hilfe und Not zutreffend beschrieben ist oder er wird es sich nicht fragen, sondern vielmehr wahrnehmen, daß im Gedicht ein bestimmter, eigentümlicher Zusammenhang hergestellt ist, unter Heranziehung der Elemente »schwüle Luft« und »kreischender Wagen«. Aber die Wirklichkeit ist ja auch ganz klar und unfraglich: Es gibt alles, was im Gedicht vorkommt, nur nicht in dieser Kombination. Ob es aber Gott gibt, steht sehr wohl in Frage. Und nur dadurch, daß seine Existenz hartnäckig behauptet wird (im Sinne einer poetischen Wirklichkeit) wird Gott doch nicht wahrer.
P.P.P.S.Ein eindeutiger Beweis für die Existenz Gottes wäre es, Gott selbst zu erleben, in einer klaren, eigenen Schau zu erfahren, daß Gott da ist. Aber: Wer macht schon solch abenteuerliche Erlebnisse? Es mag ja durchaus einen kleinen, in dieser Hinsicht wahrscheinlich ziemlich verschwiegenen Kreis von Menschen geben, die für sich eine Gottesschau in Anspruch nehmen können. Was aber fangen die anderen an, die zwar von Gott hören, diese Nachricht auch nicht stumpf von der Hand weisen wollen aber trotzdem nichts haben, sich darauf zu stützen?
Ist nicht für diese Mehrheit es ist ja wohl nicht übertrieben, hier die Mehrheit zu vermuten ist nicht für diese Mehrheit das Gerede von Gott eine ziemliche Qual, sofern sie, die Menschen ohne direkten Zugang zu Gott, das Gerede ernst zu nehmen geneigt sind?