Der Satz
»Es gibt kein richtiges Leben im falschen«
stammt von Theodor W. Adorno und ist einer jener Gemeinplätze, denen es gelingt, aus Büchern, die kaum je jemand ganz liest, in den allgemeinen Phrasenhaushalt vorzudringen. Ein Satz, den man anbringen kann, wenn es gerade einmal paßt; der sich, wenn es paßt, geradezu von selbst anbringt (Sätze aus dem allgemeinen Phrasenhaushalt warten nicht erst darauf, daß ihr jeweiliger Aussprecher selber den Entschluß faßt, sie zu sagen). Der Satz von Adorno ist dann auch noch einer, der kompromisslos klingt — und das ist ja immerhin recht interessant, besonders dann, wenn man etwas her machen möchte.
Der in Frage stehende entstammt Adornos Buch »Minima Moralia«. Er steht dort im 18. Abschnitt, der mit dem Incipit »Asyl für Obdachlose« versehen ist.
Darin geht es — um die Auswahl von Möbelstücken für die eigene Wohnung. Vielleicht hatte Adorno insgesamt in den Blick genommen, endlich ein modernes philosophisches Fundament für die Zunft der Inneneinrichter zu formulieren — das ist schwer, angesichts des Textes darüber Klarheit zu gewinnen. Jedenfalls aber schließt der Abschnitt mit den berühmten Worten: »Es gibt kein richtiges Leben im falschen.«
Zu Anfang wird rundheraus festgestellt: »Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen.« Und man muß sich bei der Lektüre schnell eingestehen, daß aus dem Fundament für die Inneneinrichter wohl nichts werden wird; ein allzu skeptischer Versuch ist es geworden. Und man sieht schließlich ein: eigentlich kann es so etwas wie Wohnungsausstattung gar nicht mehr geben, für die Auswahl von Möbeln, Gardinen, Tapeten besteht keine Grundlage mehr! Vielleicht bewegt sich der Gardinenbesitzer im luftleeren Raum, indem er Gardinen besitzt? Und wie sollte man zwischen der einen oder anderen Sitzgruppe begründet entscheiden? Über diesen grundstürzenden Offenbarungen schwebt Adornos Reflexion kühn im freien, ungesicherten Raum.
Das einzig richtige ist, bedeutet uns Adorno gegen Ende, sich auf das Wohnen an sich nur unter strengem Vorbehalt überhaupt einzulassen. Es gehöre »zur Moral, nicht bei sich selber zu Hause zu sein.« Damit hat der Autor die Höhe der Moral und also sein eigentliches Ziel erreicht. Er läßt die Frage der Stilmöbel hinter sich — und wird nun erst recht grundsätzlich.
Von dem was auf die hier bloß angedeutete Überlegungen, und zwar zum Abschluß des hier behandelten Abschnitts der Minima Moralia folgt, ich gestehe es offen: Davon verstehe ich kein Wort. Es bleibt mir nur, den Text roh und unkommentiert zu zitieren:
»…es gehört zur Moral, nicht bei sich selber zu Hause zu sein. Darin zeigt sich etwas an von dem schwierigen Verhältnis, in dem der Einzelne zu seinem Eigentum sich befindet, solange er überhaupt noch etwas besitzt. Die Kunst bestünde darin, in Evidenz zu halten und auszudrücken, daß das Privateigentum einem nicht mehr gehört, in dem Sinn, daß die Fülle der Konsumgüter potentiell so groß geworden ist, daß kein Individuum mehr das Recht hat, an das Prinzip ihrer Beschränkung sich zu klammern; daß man aber dennoch Eigentum haben muß, wenn man nicht in jene Abhängigkeit und Not geraten will, die dem blinden Fortbestand des Besitzverhältnisses zugute kommt. Aber die Thesis dieser Paradoxie führt zur Destruktion, einer lieblosen Nichtachtung für die Dinge, die notwendig auch gegen die Menschen sich kehrt, und die Antithesis ist schon in dem Augenblick, in dem man sie ausspricht, eine Ideologie für die, welche mit schlechtem Gewissen das Ihre behalten wollen. Es gibt kein richtiges Leben im falschen.«