Als Sutur (von lat. sutura, »Naht«) wird a) die Verbindung zwischen zwei Schädelknochen und b) die nahezu senkrecht stehende Kontaktzone zwischen zwei tektonischen Platten des Erdmantels (d.i. eine »Geosutur« oder auch »Erdnaht«) bezeichnet.
Die vier Hauptnähte des menschlichen Schädels sind die Stirn-, Pfeil, Lambda- und Kranznaht. Beim Säugling sind diese Verbindungsstellen zwischen den Einzelknochen des Schädels noch sehr flexibel und sorgen dafür, daß sich der Schädel in recht erstaunlichem Maß verbiegen läßt. Ansonsten wäre es nicht möglich, das überproportionale Gehirn eines Menschenjungen in seiner Knochenkapsel durch den Geburtskanal hindurchzuzwängen. Das normale Wachstum des Schädels setzt ebenfalls voraus, daß sich die verschiedenen Knochen relativ zueinander verschieben.
Die Suturen werden durch Bindegewebe, genauer durch Kollagenfasern, miteinander verbunden. (Diese Strukturen, die Sharpey-Fasern, verankern auch die Zähne im Kiefer sowie die Haut, die jeden Knochen umgiebt, das Periost nämlich, an ihrem Ort.) Dieses zwischen den Schädelknochen liegende Gewebe wird zunehmend verfestigt, während der Schädel seine ausgewachsene Gestalt annimmt. Erst in höherem Alter und auch nicht in allen Fällen verknöchern die Schädelnähte vollständig. Vollständige Starrheit ist, so läßt sich auch an diesem Beispiel beobachten, kein biologisches Konzept.
In gewisser Weise ähnelt der steinerne Erdmantel dem menschlichen Schädel: sein Bau (Tektonik von griech. τεκτονικος = die Baukunst betreffend) ist zusammengefügt aus einzelnen, beweglichen Platten, die an Nähten zusammentreffen: diese Geosuturen allerdings sind der Ursprung regelmäßiger Naturkatastrophen.
Seit dem Paläolithikum beherrschen Menschen die Technik des Nähens. Die frühesten Funde von aus Stein gehauenen Nadeln werden auf 30.000 vor Chr. datiert. Schon vorher aber werden Frühmenschen, die in kälteren Klimazonen beheimatet waren, Leder- und Fellteile durch Nähte zu robusten Kleidungsstücken verbunden haben. Dabei wurden Löcher in das Werkstück gebohrt und dann der Faden von Hand hindurchgezogen.
In einer georgischen Höhle wurden verdrillte Flachsfasern gefunden, die offenbar schon um 34.000 v. Chr auf diese Weise zur Herstellung von Nähten verwendet wurden. Auch vorher haben Menschen Kleidung getragen, die allerdings lediglich um den Körper gewickelt und festgebunden wurde, was der Formgebung und bedarfsgerechten Anpassung von Kleidungsstücken engere Grenzen auferlegte. Genaueres läßt sich nur schwer herausfinden, weil es in der Natur von Kleidungsstücken liegt, daß sie in der Erde kaum Spuren hinterlassen, die Jahrtausende überdauern.
Auch in der Medizin wird bekanntlich genäht. Hier sind Nadel und Faden mittlerweile fest miteinander verbunden, so daß man das Ör an der Nadel einspart. Das atraumatische Nähen ist dadurch gekennzeichnet, daß der Faden selbst den Wundkanal so verschließt, daß kein Blut ausdringen kann (die Nadel muß dafür denselben Durchmesser haben, wie der Faden). Während es beim Vernähen von Textilien darum geht, durch den flachen Stoff von beiden Seiten kommend hindurchzustechen (im Grunde eine zweidimensionale Tätigkeit), ist das Werkstück des Chirurgen von innen her immer mit einem bestimmten Inhalt gefüllt (es geht ja gerade darum, durch die Naht den Inhalt innen und das Äußere außen zu halten, bis eine Narbe diesen Zustand zementiert).
Es haben sich unterschiedliche Nahtformen entwickelt, bei denen der Faden verschiedenartig äußerlich und auch innerlich durch das zu vernähende Gewebe geführt wird, um die Festigkeit der Naht zu erhöhen. Am fortgeschrittensten ist hierbei die Allgöwer-Naht, bei der die Nadel unter der Oberfläche des zu vernähenden Körperteils gewendet werden muß. — Es gibt allerdings auch Ersatz zu Nadel und Faden: das Verkleben der Wundränder, der Einsatz von Klammern und das »Klammernähen«, wie es zum Beispiel an Magen und Darm praktiziert wird.